21.08.2018

Energie intelligent verschwenden: Professor Timo Leukefeld im Interview

Professor Timo Leukefeld gilt als ein führender Experte, wenn es um die Energiewende geht. Die liege noch vor uns, meint der Energiebotschafter der Bundesregierung.

Sie sagen, bislang gibt es hierzulande gar keine Energiewende, sondern allenfalls eine Stromwende. Wie das?

Leukefeld: Wenn Sie sich den gesamten Energieverbrauch Deutschlands anschauen teilt sich das ganz grob auf ein Viertel Strom, ein Viertel Verkehr und die Hälfte Wärme auf. Alles, was wir bislang politisch in Gang gesetzt haben, wirkt fast ausschließlich auf dem Gebiet Strom. Bislang hat man sich also auf einen kleinen Bereich konzentriert und dort die Ziele übererfüllt, gleichzeitig aber drei Viertel des Kuchens nicht angetastet.

Welche Betrachtungsweise sollten wir also stattdessen einnehmen?

Leukefeld: Wir müssen in Zusammenhängen denken. Wir müssen Wärme, Strom und Mobilität in einem Zusammenhang planen - politisch, wirtschaftlich und auch aus Verbrauchersicht, um die Synergieeffekte zu erhalten.

Das heißt, die smart-grid-Diskussion ist eindimensional, Sie sehen andere Geschäftsmodelle?

Leukefeld: Genau. Wir müssen weg von der Einzelbetrachtung. Wir verkaufen keine einzelne Technologie mehr, sondern eine Pauschalmiete mit Energieflat. Wenn Sie heute eine Solarthernieanlage kaufen, eine Dämmung nachrüsten oder den Gaskessel erneuern rechnet man immer aus, in wie vielen Jahren sich das amortisiert. Meistens dauert es zu lange, so dass die Investition nicht erfolgt. Wenn jetzt aber ein Mieter keine Betriebskostenabrechnung mehr erhält und sich da nicht mehr rumstreiten muss, er sich den Stromanbieter nicht mehr suchen muss und auch nicht mehr die Preise an der Tankstelle vergleichen, weil das E-Auto als Dienstleistung schon in der Miete enthalten ist, dann wird er bereit sein dafür mehr zu bezahlen als heute.

Das wird den großen Energieversorgern aber nicht gefallen?

Leukefeld: Doch, denn wir denken da in Kooperationen. Der Energieanbieter hat derzeit Probleme, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, im Prinzip haben wir ihm eines entwickelt. Und zwar: geh Du doch rein in den Wohnungsmarkt, das Gewerbe, Sozialeinrichtungen, also überall da, wo Strom, Wärme und Mobilität benötigt wird. Das ist nahe an deren Kerngeschäft Wärme und Strom.

Gibt es dieses Geschäftsmodell nicht bereits unter dem Begriff Contracting?

Leukefeld: Nein, sie bieten nur Strom, oder nur Wärme, oder nur Mobilität an. Es gibt kein Modell für Zusatzgeschäfte. Wir sagen: Wenn jemand ein Mehrfamilienhaus baut, dann könnte ein Versorger als moderner Dienstleister auftreten, die Technik einbauen und alles über eine Flat vermarkten. Gleichzeitig kann er Zusatzgeschäfte wie Speicherung/ Netzdienstleistungen, den Verkauf von Überschüssen und Elektromobilitätslösungen generieren. Durch die Dienstleistung verdient der Versorger viel mehr als beim heutigen Geschäftsmodell.

Wie viele Jahrzehnte sind wir davon noch entfernt?

Die Erfahrung zeigt, dass Systeme erst reagieren, wenn es richtig weh tut. Im Moment tut es noch nicht weh genug. Aber es ist absehbar, dass einige Versorger mittelfristig gar nicht anders können, als die Dienstleistung als Geschäftsmodell zu entdecken. Das geht dann ja auch in die Bereiche Big Data, Software und Künstliche Intelligenz. Richtig Schwung wird reinkommen, wenn der neue Mobilunkstandard 5G verfügbar ist.

 

„Energie intelligent verschwenden“ – unter diesem provokanten Titel wird Leukefeld den Impulsvortrag während des Energiewendetags formulieren. Der Energiewendetag am 15. September (14 bis 17 Uhr, Umweltzentrum, Neckarstraße 120, 78056 Villingen-Schwenningen) steht ganz im Zeichen zukunftsfähiger Versorgung.

 

Quelle

KEFF Schwarzwald-Baar-Heuberg

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